Patienten mit Suchtkrankheiten

Patienten mit Suchtkrankheiten Hot

Dr. Christian Icke  
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Patienten mit Suchtkrankheiten sind chronisch krank und bedürfen aufgrund des häufig veränderten Bedarfs an Anästhetika und Analgetika sowie ggf. spezifischer Begleit- oder Drogenersatztherapie, Begleiterkrankungen und schwierigen Venenverhältnissen besonderer Aufmerksamkeit. Das gilt auch für Patienten mit Z. n. Drogenabusus.

1. Allgemeine Gesichtspunkte

  • Der Opioidbedarf heroinabhängiger oder methadonsubstituierter Patienten ist aufgrund einer Toleranzentwicklung gegen Opioide deutlich erhöht  (30 - 100%). 
  • Bei chronischem Alkoholabusus kann die Sensibilität für Anästhetika sowohl reduziert als auch gesteigert sein. Einerseits führt Alkoholkonsum zu einer Enzyminduktion des P450-Systems und Kreuztoleranz gegenüber Anästhetika, andererseits kann bei Leberzirrhose der Metabolismus verzögert sein.
  • Ein erhöhtes Aspirationsrisiko aufgrund einer alkoholbedingten verzögerten Magenentleerung und nicht immer vorhandenen Compliance kann vorliegen.
  • Bei Regional-Anästhesieverfahren muss besonderes Augenmerk auf eine intakte plasmatische Gerinnung und die Thrombozytenfunktion gelegt werden.
  • Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens körperlicher Entzugssymptome ist unabhängig von der Bewusstseinslage möglich, d.h. auch in Narkose.
  • Eine Allgemeinanästhesie unter akuter Wirkung von Alkohol, Cannabis oder Kokain darf nur im Notfall erfolgen.

2. Anästhesie und Analgesie bei Suchtkranken

2.1 Prämedikation

  • Die Indikation für Midazolam ist großzügig stellen, bzw. bei Bedarf 7,5 mg p.o.

Cave: bei schlechtem Allgemeinzustand in einer Kombination mit Opioiden und/oder Alkohol über eine mögliche Atemdepression denken.

  • Keine Opiate.
  • Bei Substitutionstherapie: übliche Substitutionsdosis
  • Bei aktivem Opioidmissbrauch Levomethadon 10 - 20 mg.
  • Bei einer hypertensiven Entgleisung durch Kokain- oder Ecstasymissbrauch ß-Blocker geben.
  • Bei Gefahr eines Alkohol-Entzugssyndroms ergänzend Clonidin 150 mg. p.o. und Thiamin 100 mg. i.v. nach Absprache mit dem Bereichs-OA anordnen (siehe SOP Agitation - Verwirrtheit - Delir).

2.2 Anästhesie

2.2.1 primär mit regionalen Verfahren:

Cave: Psychische Besonderheiten und Infektionen an der Einstichstelle beachten.

  • großzügige Indikation zu Katheterverfahren
  • Lokalanästhetikadosis wie üblich.
  • Zusatz von Clonidin, z. B. 0,5 µg/kg. Verlängerung der Wirkungsdauer des Lokalanästhetikums bei single shot-Technik

2.2.2 Allgemeinanästhesie:

  • Allgemeinanästhesie möglichst unter zusätzlicher Nutzung regionaler Verfahren. Falls regionale Verfahren nicht möglich, dann zumindest Lokalanästhesieverfahren wie LA-Infiltration, Gelenkinstillation, Wundkatheter durchführen.
  • Gabe von Opioiden nach der Hypnotikagabe (Propofol).
  • Inhalationsnarkotika zum Aufrechterhalten der Anästhesie bevorzugen.
  • Bei Opioidabusus vor Schnitt Esketamingabe: 25 - 50 mg.
  • bei persistierender Tachykardie/Hypertonie trotz Anästhesievertiefung Clonidin 150 - 300 µg zur vegetativen Dämpfung.
  • Bei intraoperativer Tachykardie, Hypertension, Schweißausbrüchen etc. an intraoperativen Entzug denken.
  • Kontraindiziert sind
    • Remifentanil (akute Toleranz, Entwicklung einer Hyperalgesie). 
    • Antagonisten (Naloxon, Flumazenil).
  • Relativ kontraindiziert ist
  • Succinylcholin (Rhabdomyolyse). Indikation streng überprüfen!

2.3 Analgesie

  • Regionalanästhesie ⇒ siehe oben.
  • Für systemische Analgesie nur reine Morphin-Agonisten (z. B. Morphin) verwenden. Um eine psychotrope Wirkung von Bolusgaben zu vermeiden,  die Opioidgabe als eine kontinuierliche Dauerinfusion durchführen.
  • Weiterhin verwendbar:
  • Retardpräparate (Oxycodon)
  • i.v. Clonidin 150 – 300 µg (opioidsparend)
  • i.v. Esketamin 0,05 - 0,1 mg/kg/h (antihyperalgetisch)
  • i.v. Lidocain 2 mg/kg/h nach Bolus 1,5 mg/kg (siehe SOP Lidocaingabe)
  • Nichtopioide (NSAID, COX2-Hemmer)
  • Ko-Analgetika (Antidepressiva wie Amitriptylin; Antikonvulsiva wie Gabapentin)

3. Besonderheiten nach Drogenabusus

  • Die Suchterkrankung ist eine chronische Erkrankung. Auch nach Jahren der Abstinenz kann es zum Rückfall kommen. Stress, Angst und Schmerzen gelten als potenzielle Auslöser für einen Rückfall.
  • Psychische Komorbiditäten bestehen häufig weiter.
  • Opioide können wieder normal dosiert werden, da die vormalige Toleranz schon nach einigen Tagen ausbleibenden Drogenkonsums nicht mehr vorhanden ist

SOP Kopfdaten

Version
4
Gültigkeit
15. Mrz. 2018
Alle anzeigen: HK Erfurt
Bereich
Ärzte
Autor/en
Dr. Mandy Olbrecht

Changelog

01.08.2008: SOP erstellt (Dr. Mandy Olbrecht)
01.08.2010: SOP überarbeitet (Dr. Wolfgang Jakob)
01.08.2012: SOP überarbeitet (Dr. Wolfgang Jakob)
15.03.2016: SOP überarbeitet (Alexandr Karukin)